Das Jahr der Adler – eine Reise vom Arendsee nach Bederkesa

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Das Jahr der Adler – eine Reise vom Arendsee nach Bederkesa

 

Mit einer betagten Rennjolle segelten Julius Grams (12) mit Vater Mathias Fritze im Sommer 2012 elbabwärts – und würden es sofort wieder tun

 

Und WUSCH – die zweite Ladung Wasser ergießt sich ins Boot. Die Lenzer sind hoffnungslos überfordert. Schuhe, Müsliriegel, Trinkflaschen schwimmen fröhlich durcheinander. Wir müssen weit ausreiten, um das Boot aufrecht zu halten, dass Groß killt schon überwiegend  - keine gute Idee, Julius jetzt zum Schöpfen ins Cockpit zu bitten. An Steuerbord der Blick auf die Nordsee, backbord wandert die vorletzte Fahrwassertonne achteraus – die Einfahrt nach Otterndorf liegt vor uns. Na schöpfen können wir auch später noch. Dabei hatte alles so ruhig begonnen.

 

Nach drei Wochen Segelurlaub zwischen Stockholm und den Alands kehrte unsere Familie Mitte August 2012 in den deutschen Alltag zurück – angenehm überrascht von hochsommerlichen Temperaturen und der Aussicht auf eine halbwegs stabile Ostlage. Lange schon hat mich die Idee gereizt, die Elbe hinabzufahren, und nun war die Gelegenheit günstig. Es galt einen Termin in Bremen wahrzunehmen, und das liegt schließlich auch am Wasser. Zwischen Weser und Elbe verläuft der Haldener Kanal, der sollte uns vor den Unwägbarkeiten des Wattenmeers bewahren. Ulli Seedorff vom Arendseer Segelclub lieh uns einen Trailer, um unseren 470er (Baujahr 1974) nach Wittenberge zu verbringen. Dort wasserten wir am Slip des Sportboothafens und vertäuten das Boot für die Nacht – nebenbei der teuerste Liegeplatz der gesamten Reise. Am nächsten Morgen luden wir zum Sonnenaufgang das Boot voll und stießen ab – mit liegendem Mast trieben wir unter der Straßenbrücke B189 elbabwärts – niemand konnte uns etwas über die Durchfahrtshöhe sagen, und unseren zarten rund 6,8m langen Mast wollten wir schonen. Ein leichter Süd schob uns zusammen mit der beträchtlichen Strömung Richtung Nordsee, und nachdem wir erfolgreich unsere in wasserdichten Säcken verstauten Habseligkeiten untergebracht hatten, genossen wir Elbaue vom Feinsten. Reichlich Federvieh kreuzte unseren Kurs – und schließlich in nur kurzem Abstand – zwei Adler. Und wir dachten schon Wochen zuvor in Schweden „unser“ Adlerkontingent für die nächsten Jahre erschöpft zu haben.

 

Eine Regenfront machte uns einen Strich durch unsere Reiseplanung. Im Stillen hatte ich gehofft zumindest noch Lauenburg (km 570) zu erreichen, doch sollte Bleckede zwanzig Kilometer vorher unsere erste Etappe werden – immerhin 96 Stromkilometer am ersten Tag, in rund 14 Stunden. Im dortigen Yachtclub konnten wir das Boot vertäuen und auf dem Clubgelände unsere Zelte aufschlagen. „Alles picobello hier“, so der Hafenmeister mahnend – und das stimmte.

Am nächsten Morgen dann eine Überraschung: Die Bitte uns den Kanal bis zur Elbe zu schleppen wurde von einem Motorbootskipper brüskiert zurückgewiesen, ein zweiter erwies uns dann aber den Gefallen. Es wurde wieder ein sehr warmer, zumeist flauer Tag, wir passierten Lauenburg und die Elbe wurde zusehends belebter. Hier endlich zeigte uns ein Pegel die Durchfahrtshöhe (allerdings erst, nachdem wir die Brücke passiert hatten). Acht Meter, mit stehendem Mast hätten wir also schon ab Wittenberge fahren können (und nebenbei, was wir erst später realisierten: bis in die Nordsee!). Zeitweise schlief der leichte Südwind ganz ein und zu allem Überfluss nimmt die Strömung Richtung des Stauwehrs in Geesthacht immer weiter ab. Die Einfahrt zur Schleuse musste gepaddelt werden – aber wir kamen gerade rechtzeitig für die Schleusung. Eingekeilt zwischen Binnenschiffen und Motoryachten spekulierten wir über die Durchfahrtshöhe der Ausfahrt, die vor der Schleusung kaum abschätzbar war. Kurzum: es reichte wieder. Eine Magdeburger Motoryacht zeigte Verständnis für unsere antriebslose Lage und schleppte uns dankenswerterweise aus der Flautezone – die sich kurz darauf erheblich ausdehnte. So trieben wir mehr im Ebbstrom als wir segelten. Der nahenden Nacht schlugen wir mit leichtem Paddeln ein Schnäppchen und erreichten mit einsetzender Dämmerung Hamburg - Zollenspieker. Oje – hier hatte sich seit meinem letzten Besuch vor 15 Jahren doch einiges verändert. Ein neues Hotel, eine Baustelle direkt am Hafen und Horden erholungssuchender Städter im sommerlichen Ausflugsfieber – es war Freitag. Nicht einmal ein akzeptables Plätzchen für unsere Zelte war aufzutreiben. Etwas schweren Herzens suchten wir eine Pension in einer ehemaligen Bäckerei auf und wurden spätabends freundlichst aufgenommen.

Die Gezeiten erlaubten uns ein vorzügliches Frühstück am nächsten Morgen, und mit einsetzendem Ebbstrom ließen wir uns auf der Norderelbe gen Hamburg treiben. Gegen Mittag schob uns ein dann böiger Südwind mitten hinein in die „Cruiser-Days“. Es galt noch schnell einen einlaufenden Kreuzfahrtriesen zu umschiffen bevor wir kurz vor dem einsetzenden Flutstrom im City-Sportboothafen festmachten. Was für ein Empfang: Strahlendes Sommerwetter und tausende Schaulustige an den Landungsbrücken – und endlich eine aktuelle Seekarte kaufen. Die Nacht verbrachten wir bei guten Freunden, mussten aber wiederum morgens um sechs dem Ruf der Gezeiten folgen. Belohnt wurden wir mit einem traumhaften Tagesanbruch, leichter Backstagbrise und einer unglaublich ruhigen Elbe. Vorbei am Fischmarkt, etwas ungläubig staunenden Gestalten der Nacht, verliebten Pärchen, Strandperle, Falkenstein – und Schluss. Der Wind ging auf Tauchstation – aus der Traum: Glückstadt wäre das Ziel gewesen. Allein die Aussicht auf einen Schlepp ließ uns beharrlich auf dem Strom verweilen, bei geschätzten 30 Grad und ohne Schatten. Die Rettung erschien in Form des Traditionsschiffes „Rigmor“ aus Glückstadt. Auf dem Heimweg von den Kreuzfahrttagen war unser Anblick offenbar kaum zu ertragen – und da wir das gleiche Ziel hatten, zeigten Crew und Skipper Erbarmen – echte Seemannschaft eben. Während der Schleppfahrt kam dann auch wirklich kein Windchen mehr auf. Da die Schleusenzeiten zum Glückstädter Binnenhafen eher sparsam verteilt sind, machten wir im Außenhafen fest. Für die Nacht drohte Unwetter, und so bezogen wir Quartier in der direkt am Hafen gelegenen Jugendherberge.

Mit beginnender Morgendämmerung waren Regen und Sturmböen aber noch nicht erledigt – mir stellte sich die Frage: Julius wecken oder nicht – die Ebbe setzte wieder gegen sechs ein. Und nun ein Hoch auf die moderne Technik: der Internetblick in Radar- und Satellitenbilder zeigte unmissverständlich: die Front war durch! Damit mussten wir aber auch mit Gegenwind rechnen. Hart am Wind ging es bis Brunsbüttel, ausgerechnet vorm Nordostseekanal begannen die Kreuzschläge, der Wind frischte auf. Hier war ich doch froh, diese Gewässer oft  befahren zuhaben, Routen und Reaktionen der Großschifffahrt einschätzen zu können. So schlängelten wir uns erfolgreich durch die Fahrwasser der dicken Pötte. Mehr Probleme machte uns der aufkommende Seegang. Wind gegen Strom brachte vor allem im Südteil des Fahrwassers eine kurze, erstaunlich hohe Welle, und unser beladener 470er tat so, als könne er mitten durch. Mehrfach kamen Wellen über, die zügig ausgeschöpft werden mussten. Vorschoter Julius war wenig begeistert. Schließlich passierten wir die entscheidende Fahrwassertonne – andere Marken waren kaum auszumachen am Elbufer – und glitten glücklich und erschöpft in das flache Fahrwasser nach Otterndorf. Rund fünf Stunden waren wir unterwegs, davon drei im Ausreitgurt. Direkt vor der Schleuse zum Haldener Kanal machten wir fest – um vom rasenmähenden Schleusenmeister umgehend vom Siegertreppchen gestoßen zu werden. Wieso wir denn die Schilder nicht gelesen hätten, warum wir so nah am Schöpfwerk lägen, welcher Dämlack uns denn den Bootsführerschein ausgestellt hätte und und und.. Unverhohlen Verachtung ausstrahlend öffnete er großmütig die Tore; dankbar und unterwürfig passierten wir. Im Binnentief vertäuten wir das Boot und machten uns auf die Suche nach einer Stärkung. Nicht fern offerierte ein Kiosk ein passables Seglerfrühstück.

Gegen 12 Uhr zeigte der Bug nach Süden –angetrieben von gut 4 Windstärken aus Nordwesten zischten wir den ansonsten leeren Kanal entlang – bis zur ersten Brücke. Eigentlich waren wir ja gewarnt, aber es sind wirklich sehr viele Brücken. Etwa alle zwei Kilometer mussten wir den Mast legen, was auf dem 470er wahrlich kein Vergnügen ist. Der Wind blieb uns hold, nur die Abschnitte mit reichlich Uferbewuchs vermochten uns zu bremsen. Und immer wieder: Mast legen. Der Wind schralte und zudem tendiert der Kanal in seinem Lauf nach Westen – bis wir schließlich kreuzen mussten. Das verhagelte etwas die Stimmung – denn nun stand fest: unser Ziel Bederkesa würde nicht mehr zu schaffen sein. Mit nachlassendem Tageslicht entdeckten wir eine einsam gelegene Anlegestelle und meldeten uns beim nahen Bauernhof. Sehr gastfreundlich bot man uns Zeltplatz und Wasser für die Nacht – puh. Mit dem Untergehen der Sonne hörte man uns sägen.

Der nächste Tag brachte nahezu Windstille von vorn und besiegelte den Abbruch der Fahrt. Für die termingerechte Reise nach Bremen fehlte uns genau ein Tag. Rund drei Stunden paddelten wir den einsamen Wasserweg entlang und konnten das Boot unter Aufsicht des freundlichen Hafenmeisters in Bederkesa vertäuen, so etwas Ähnliches wie eine Slipanlage ganz in der Nähe. Julius` Opa organisierte nach Anruf die Fahrt nach Bremen. Drei Tage später holten wir das Boot mit einem Trailer ab.

Fazit: Fünf Tage Flusspiratenabenteuer vom Feinsten, durchgesessene Pobacken und Rückenbeschwerden, intensive Seglerbräune, unvergessliche Erlebnisse, viel Spaß, Vater-Sohn-Gespräche und reichlich Erzählstoff für die Winterabende. Und das Schielen nach einer „etwas“ zweckmäßigeren Jolle hat uns auch noch nicht ganz losgelassen.

 

Matthias Fritze

 

 

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